Samstag, 27. September 2008

Die Stunde der Dilettanten

Es ist mal wieder so weit. Immer, wenn irgendein bekannter Schauspieler stirbt, kommen sie aus ihren Löchern gekrochen: Die klugscheißernden Pseudo-Cineasten. Die Typen, die sonst nie was schreiben dürfen, aber jetzt ihre vermeintliche Expertise in Sachen Film zum Besten geben können. Wohl auch, weil der Rest der Redaktion schon im Wochenende weilt. Da gibt man gern mal Artikel außer Haus. Ein besonders anschauliches Exemplar dieser Gattung findet man derzeit bei Spiegel Online anlässlich des Nachrufs auf Paul Newman. Woran man diese selbsternannten Experten erkennt? Nun, die reichern ihre Artikel gern mit Worten und vermeintlichen Bonmots an, die sie irgendwo aus den unergründlichen Tiefen des Thesaurus gezerrt haben und die zeigen sollen, was für tolle Hechte sie doch sind. Fremdwort vor Verständlichkeit, Schwadronieren vor Kompetenz. Da füllen Schauspieler »Parts aus«, da wird über »Reprise«, »virile Präsenz« und »unbotmäßige Gelassenheit« schwadroniert. Oder jemand »dekliniert die Facetten seines Spiels durch.«Mein ganz persönlicher Liebling und Kandidat für das Unwort des Jahres ist das »No-Go des politischen Engagements« weiter unten. Der ganze Artikel ist von so einer selbstzufriedenen »Schaut her was für ein toller Cineast und Wortakrobat ich doch bin«-Haltung durchzogen, die man sonst nur bei Kinokritikern mit Universitätshintergrund findet, die ihr lädiertes Ego über Filmseminare an der Volkshochschule aufpolieren. So einen Abgang hat der arme Paul Newman nun wirklich nicht verdient. Aber spätestens wenn der nächste Hollywoodstar hopps geht, ist dieser Wortklauber wieder da, wetten?

15 Comments:

At 28 September, 2008 00:12, Anonymous Anonym meint...

Sofern dieser Schauspieler auch am Wochende stirbt ;)

 
At 28 September, 2008 01:40, Blogger Jehuty meint...

Oh ja. Solch ein Schreibstil veranlasst mich höchstens auf das X vom Browser zu klicken. Und mal überhaupt: Passt das noch zu Spiegel Online? Die sind ja fast schon Bild Online, zumindest fehlt nicht mehr viel.

 
At 28 September, 2008 01:45, Anonymous der mit dem gnu im schuh meint...

Die Filmkritiken von SpOn sind weitgehend immer das Gegenteil von meinem persöhnlichen Empfinden - und Abschiedstexte lese ich sowieso nie - da es sich nicht gehört negative Aspekte zu beschreiben sind sie doch nur blabla.

Aber da die ARD gerade "Der Clou" abgespult hat, ist mir zum ersten mal aufgefallen, dass die S-Bahn-Station in der der dicke Polizist Robert Redfort jagt genau gleich aussieht wie jene bei GTA4, wo man den ersten Killerauftrag erledigen muss.

 
At 28 September, 2008 14:35, Anonymous Sebastian meint...

"So einen Abgang hat der arme Paul Newman nun wirklich nicht verdient."
- ist das nicht ein wenig übertrieben ?

 
At 28 September, 2008 17:36, Blogger Mick meint...

@sebastian: wieso, Paul Newman hat doch keinem was getan?

 
At 28 September, 2008 20:17, Anonymous Sepp meint...

"klugscheißernden Pseudo-Cineasten" ... Da haste ja richtig dicke ausgepackt. Warum keift er so laut? =)

Schreibstile sind selbstverständlich Geschmacksache, jedoch hat Kleingers schon oft - m.E. gute - Filmkritiken abgeliefert, auch für andere Publikationen.

Schreib' Du doch a' mal eine...

 
At 28 September, 2008 22:28, Blogger Mick meint...

ein guter Schreibstil ist eben KEINE Ansichts- oder Geschmackssache. Wenn der Mann sich mit so einem Text in einer Redaktion bewerben würde, landete er sofort in der großen Rundablage. Stilistische Schnitzer wie "daherkommen" allein disqualifizieren den Herrn schon. Ich vermute mal, der hat eher an der Uni akademische Texte verfasst, statt journalistische (und das bedeutet auch verständliche) Texte. Dieser Mensch schreibt von oben herab ans niedere Volk, suhlt sich in aufgeblasenen Worthülsen und sagt damit letztlich nichts. Das klingt arrogant und spricht den Leser nicht an. So einen Text bekommt man in jeder Redaktion sofort um die Ohren gepfeffert und ist eher von einem oberschlauen Schulzeitungspenäler zu erwarten, als von jemandem, dessen Handwerk das Schreiben ist. Aber das findet man bei Film- und Musikkritikern gern (die das meist nur nebenberuflich machen), die oft eher aus elitärem Standesdenken, denn aus dem Wunsch, seinen Lesern einen interessanten Artikel zu bieten Texte verfassen.

 
At 29 September, 2008 00:20, Anonymous Anonym meint...

Und natürlich bist du, der niemals eine ernstzunehmende, fundierte journalistische Ausbildung genossen hat die Instutution, die das alles professionell bewerten kann. So als Spieleschreiberling und Chemiker. LOL

 
At 29 September, 2008 09:20, Anonymous Mash meint...

@anonym:
Jemand, der etwas seit 15 Jahren macht, halte ich in der Tat da für kompetent genug, das zu beurteilen. Eher als jemand, der einen schönen Zettel, ausgestellt von einer Universität sein eigen nennt, sonst aber eher wenig mit dem Thema zu tun hat.

Was hat "Spieleschreiberling" wohl auszusagen? Als ob es darauf ankäme, über welches Sujet man schreibt, wenn man sehen will, hat jemand einen guten Schreibstil oder nicht.

Mach's besser, dann reden wir weiter.

 
At 29 September, 2008 11:24, Blogger Mick meint...

@anonym: Und woher weißt du, daß ich nie eine "ernstzunehmende journalistische Ausbildung genossen habe"? Wie all meine anderen Kollegen bei GS und PC Player haben wir über mehrere Jahre das komplette Programm der Bayerischen Presseakademie absolviert, wo so ziemlich jeder deutsche Verlag seine Redakteure schulen lässt (und zwar zusätzlich zu unserer Arbeit) Dazu kamen über 15 Jahre Schulung und Betreuung durch diverse Textchefs und Einzelunterricht bei Chris Bleher. Wenn dir der Name nix sagt, kannst du ja gern danach googeln. Soviel zum Thema mangelnder Ausbildung. Ich bezweifle mal, das an irgendeiner Uni derart viel Wert auf Textqualität und Stilsicherheit gelegt wird. Ach ja, der Begriff "Schreiberling" ist historisch durch die Nazis, speziell Hermann Göring, vorbelastet, der damit gern die deutsche Presse diffamierte. Solche Ausdrücke sollten hier deshalb besser vermieden werden. (Übrigens weiß das jeder, der sich mal ernsthaft mit unserer Sprache auseinander gesetzt hat.)

 
At 29 September, 2008 11:25, Blogger Mick meint...

ach ja: wenn dir die Mängel des Spiegeltextes nicht selber auf den ersten Blick ins Gesicht springen, scheinen deine Kenntnisse in diesem Bereich ja nicht allzu groß zu sein.

 
At 29 September, 2008 12:26, Anonymous batolemaeus meint...

Wo wir grad bei Dilettanten sind..

 
At 30 September, 2008 12:40, Anonymous El_Cool meint...

lol @ die "Kinokritiker mit Universitätshintergrund, die ihr lädiertes Ego über Filmseminare an der Volkshochschule aufpolieren"

War aber klar dass das gewissen Leuten in einem Blog aufstößt, es gibt nämlich Viele die Wert auf ihre gehobene Art legen. ;)

Mal so nebenbei: schreibt man "universitätshintergrund" zusammen? Wenn man das Wort googelt kommt man nur wieder zurück zu dem Blog XD

 
At 30 September, 2008 14:50, Blogger Mick meint...

mich ärgern solche aufgeblasenen Selbstdarsteller einfach. Mit denen hatte ich leider schon viel zu häufig zu tun.
Wegen »Universitätshintergrund": Ich vermute mal, das gibts nicht im Duden, das habe ich ganz allein aus dem derzeit so beliebten Unwort »Migrationshintergrund« gebastelt, und das völlig ohne Thesaurus. ;-)

 
At 30 September, 2008 23:17, Blogger wolf meint...

Zum Glück interessieren mich Nachrufe von guten Schauspielern nicht. Ich hab schon genug an den "erklär-mir-die-Welt" Journalisten im Politikteil zu knabbern.

 

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