Samstag, 24. Februar 2007

Ausverkauft? Daß ich nicht lache.

Meinen ersten Eindruck von der Seriosität der Arbeitsweise von Journalisten, erhielt ich, als ich so 14 Jahre alt war. Unsere Klasse guckte bei einer Gerichtsverhandlung zu, bei der ein Arbeiter dem anderen mit einem Eisengrat das Auge ausgestochen hatte. Am nächsten Tag in der Zeitung war aber von einem Stück Eisendraht zu lesen, dass der eine mutwillig dem anderen ins Gesicht gestoßen hätte. Mag man Grat und Draht noch durch unaufmerksames Zuhören vertauschen, so ist die Mutwilligkeit frei erfunden gewesen, schließlich endete der Prozess mit einem Freispruch, weil es als Unfall gewertet wurde. Schon damals wunderte ich mich sehr, wie schludrig in Zeitungsredaktionen mit der Wahrheit umgegangen wurde.
Viel später wurde ich an diese Arbeitsweise erinnert. Ich hatte gerade das erste GameStar-Konsolenheft beendet. Die Playstation 2 erschien offiziell in Deutschland. Da erhielt ich die Anfrage eines Radiosenders nach einem Interview zur Verfügbarkeit von Sonys neuer Konsole. Pflichtbewusst, wie ich war, durchstöberte ich einen Nachmittag davor diverse Elektromärkte und stellte fest: Zumindest in München gab es offensichtlich genug davon. Das erzählte ich dann am nächsten Tag auch im Interview. Kaum gesagt, brach der Radiomensch auch schon ab. Ob ich mir da sicher sei, seinen Informationen nach wäre die PS2 überall restlos ausverkauft. Ich widersprach, zählte mehrere große Läden aus, die die PS2 in ausreichender Stückzahl hatten. Als er mich nicht vom Gegenteil überzeugen konnte, beendete er das Gespräch. Kurze Zeit später erfuhr ich, daß das Interview mit dem Kollegen eines Konkurrenzmagazins gesendet wurde, der, oh Wunder, bestätigte brav, daß die PS2 »restlos ausverkauft sei«. An mir selbst zweifelnd ging ich wieder in mehrere Läden, wo ich nach wie vor meine komplette weitläufige Verwandtschaft mit PS2s hätte ausstatten können. Nicht viel später meldete sich eine Münchener Boulevardzeitung mit derselben Frage. Brav antwortete ich wie zuvor. Auch hier war man an der Wahrheit nicht sehr interessiert. »Haben Sie nicht ein bisschen O-Ton à la Das Ding gibt es derzeit nirgendwo mehr? hakte der Zeitungsmensch nach. Als ich verneint, war er auch nicht mehr an einem weiteren Gespräch interessiert. Sein Artikel wiederum behauptete aber das Gegenteil, immerhin ohne dass sich noch ein Kollege mit dem Blödsinn zitieren lies. Stattdessen kam der Einkaufsleiter eines Großversenders zu Wort.
Daran muss ich immer wieder denken, wenn irgendeine neue Konsole herauskommt. Angeblich ist die immer gleich am ersten Tag ausverkauft, nicht mehr erhältlich und erstmal der Renner. Beim nächsten Mal sicher bei der PS3. Manchmal entblöden sich Journalisten nicht mal, künstlich Menschenschlangen zu inszenieren, wie ich es in einem Mediamarkt beim Wii-Launch letztens gesehen habe. »Stellen Sie sich doch dazu, kommen Sie auch in die Zeitung« war der Satz, mit dem mich ein Journalist (oder war es nur der Photograph) aufforderte eine solche Szene nachzustellen. Denn eine echte Schlange gab es gar nicht. Aber klar: »Konsole XYZ komplett ausverkauft, Menschenmassen prügeln sich darum« klingt natürlich besser als »Bescheidener Start der Okano GameSphere«. Und wenn schon bei so unbedeutenden Meldungen derart geschummelt (oder besser gesagt, betrogen) wird, was ist dann mit den richtigen Nachrichten? Was stimmt da alles nicht? Ehrlich gesagt, glaube ich mittlerweile keinem einzigen Medium mehr auch nur ein Wort... außer dem Wetterbericht.

23 Comments:

At 24 Februar, 2007 16:10, Blogger Knurrunkulus meint...

Die Wii war nun aber wirklich großflächig ausverkauft. In ganz Oldenburg war nach etwa einer Minute keine mehr zu kriegen. Aber glücklicherweise brauchte ich nur etwa 30 Sekunden. Ein ähnliches Bild wurde mir aus Bremen berichtet und jener Quelle wiederum war es von sonstwoher auch wieder berichtet worden.

Und nein: Diese Quelle war kein Journalist. ;)

 
At 24 Februar, 2007 16:54, Blogger McKenna meint...

Die Wirklichkeit will interpretiert werden. Das ist der Job von Journalisten. Manchmal könnte was wahres dabei rauskommen. Schade, dass das so selten passiert.

 
At 24 Februar, 2007 17:37, Blogger Eresthor meint...

Naja, es gibt ja nun Medien und Medien. Manche, wie die BLÖD oder SPON sind eben im Grunde nicht an der wahrheitsgemäßen Information ihrer Leser, sondern nur am Umsatz interessiert. Andere, die wirklich versuchen journalistisch sauber zu arbeiten, gibt es ja aber auch noch.
Man muß sich als Medienkonsument eben gut überlegen, was man liest.
Wenn ich gut informiert werden will, höre ich Deutschlandfunk. Die nehmen sich noch Zeit für eine gute Recherche und gut vorbereitete Interviews mit Leuten, die auch was zu sagen haben. Kann ich jedem nur empfehlnn!

 
At 24 Februar, 2007 17:40, Blogger Dreadknight meint...

Kommt dieser Eintrag aufgrund des Panorama-Berichtes? ;).

Aber es stimmt schon,dass man mittlerweile genau filtern muss.Egal ob Lobeshymnen über den Bürgermeister in (m)einer Kuhkaffegemeinde oder Lobeshymnen über Spiele in manchen Spielezeitschriften,man muss immer aufpassen,dass man nicht die halbe Wahrheit mitbekommt.Ganz unverschämt ist es dann wie z.B. bei Panorama oder Frontal 21,wo die Lügen ohne jeglichen Scham vebreitet werden.

"Moderne" Medienlandschaft halt -.-

 
At 24 Februar, 2007 18:02, Blogger Mick meint...

was mich am meisten dabei schockiert: Das ist nicht auf eine Zeitung oder eine Art von Journalismus beschränkt. Das findet man mittlerweile so ziemlich überall von Bild bis Spiegel, von tz bis Zeit.

 
At 24 Februar, 2007 18:05, Blogger Mick meint...

@knurrunkulus: Aber NICHT am ersten Tag. Ich mache mir eben wegen dieser alten Geschichte mittlerweile den Spaß, und streife an solchen Releasetagen durch die Elektromärkte. Und genau da habe ich es ja erlebt, dass die diese Schlange nachstellten, wobei der Photograph sehr darauf bedacht war, dass ja genug Mädchen auf dem Bild sind. Und selbst Abends gabs noch Wiis zu kaufen, die waren erst nach zwei, drei Tagen weg.

 
At 24 Februar, 2007 22:55, Anonymous Dod meint...

Hmm bei uns in Bremen waren die Wii-Konsolen tatsächlich nach exakt 49 Sekunden ausverkauft. Ich arbeite bei Saturn, wir haben von der Öffnung der Türen ein Video gedreht, die Leute sind wirklich reingestürmt. Nicht so heftig wie man glauben mag wenn man regelmässig Zeitung liest aber immerhin.

Aber den Medien traue ich auch schon lange nicht mehr. Als Jugendlicher hatte ich den festen Vorsatz Journalist zu werden und habe daher mit 15 oder 16 ein Redaktionspraktikum bei der örtlichen Tageszeitung (kleines Blatt, kleine Stadt) gemacht. Was ich dort so an mauscheleien an der Wahrheit mitbekommen habe hat mich nachhaltig kuriert.

 
At 25 Februar, 2007 00:40, Blogger Mick meint...

ja, ja, beim Wii gab es tatsächlich Knappheit, was aber weniger an der großen Zahl potentieller Käufer, als an der sehr geringen ausgelieferten Menge lag. Böse Zungen behaupten ja, Nintendo hätte das absichtlich gemacht, um in die Schlagzeilen zu kommen. Aber wie gesagt, ich hätte hier in München locker noch eins kriegen können, ohne mich prügeln zu müssen.

 
At 25 Februar, 2007 11:26, Blogger Michael meint...

Von den Jungs in 'nem Gamesladen daheim um die Ecke weißich auch, dass die PS3 da so gut wie keine Vorbestellungen hat.
Bin mal auf den offiziellen Verkaufstart gespannt.

 
At 25 Februar, 2007 11:27, Blogger Mick meint...

die "Sensations-Meldungen" dazu sind bestimmt schon geschrieben ;-)

 
At 25 Februar, 2007 13:08, Anonymous Anonym meint...

"okano GameSphere" :D

 
At 25 Februar, 2007 13:17, Blogger Mick meint...

Ha, einer hat's erkannt. Ich dachte schon das bemerkt gar keiner ;-)

 
At 25 Februar, 2007 15:43, Anonymous marquee.x3n@gmx.de meint...

Ich jobbe nebenbei in einem (ich wage zu behaupten, seriösen) Laden für Konsolen/-spiele. Da der Shop einer größeren Kette angehört, war dementsprechend die Zahl der verfügbaren Wii Konsolen in unserem Fall sehr groß. Einer unserer Nachbarn schimpft sich sAturn, auch er hatte ein großes Kontigent zum Streetday der Wii.
Innerhalb von gefühlten 30 Minuten waren alle unsere Konsolen weg, unser Nachbar hielt sich noch 20 Minuten länger, dann war Schicht im Schacht für zehn Tage. Klar, dass Nintendo nur peu à peu weitere Konsolen ausgeliefert hat, das trug sicherlich zum "Wii-Run" vor Weihnachten bei.


Achja, die Schlange in und vor dem Laden war in diesem Fall, ähnlich dem WoW: The Burning Crusade Streetday nicht gefaked :)



Zur PS3: Von unseren 73 Vorbestellungen sind durch die Verschiebung und die Reduzierung der Konsoleninhalte genau 13 übrig geblieben. Hat nichts mit "Sensationsgeschriebsel" zu tun, die potentiellen Kunden fühlen sich
verarscht und haben, gerade durch die sehr interessanten 360-Angeboten dann doch zur Microsoft-NextGen gegriffen.

Schönen Sonntag noch.

 
At 25 Februar, 2007 16:24, Blogger Mick meint...

äh, das "Sensationsgeschreibsel" bezog sich darauf, daß garantiert am Erstverkaufstag der PS3 wieder überall stehen wird, daß das Ding ausverkauft ist. Egal, ob es stimmt, oder nicht. Darauf halte ich jede Wette. Also, wo liegt das Problem, was anderes habe ich doch gar nicht gesagt.
Und das mit der Wii-Schlange habe ich nun mal selber erlebt, genauso wie die Lügerei mit der PS2 seinerzeit.

 
At 25 Februar, 2007 17:41, Anonymous marquee.x3n@gmx.de meint...

Äh also ich wollte dich nicht schon wieder anproleten, nur meine Sicht der Dinge respektive Erfahrungen in die Runde werfen :o)


Sony hat sich selber ins Bein geschossen, meiner Ansicht nach. Die leuchtenden Augen der ersten Vorbesteller sind schon lange passé, gerade wenn man ihnen mitteilen muss, dass die Hardwarekonfiguration der PAL-PS3 nicht den vor einem Jahr geäußerten Merkmalen entspricht. Nintendo wird meines Erachtens nach mit der Wii sehr viel Marktanteil zurückgewinnen in den nächsten zwei Jahren, und, so die inoffizielle GameStop-Prognose, die 360 sich samt HD-DVD Technik als Standart etablieren. Außer Micro-sanft handled den Spielesupport weiter wie gehabt.

 
At 25 Februar, 2007 18:22, Blogger Mick meint...

da möchte ich dir nicht widersprechen. Ich glaube auch nicht, daß die PS3 (zumindest am Start) so ein Renner wird. Und daß Nintendos Wii (Obwohl es für mich uninteressant ist) ein voller Erfolg ist, steht natürlich auch außer Frage. So gesehen, haben wir diesmal ja gar keine gegenteiligen Meinungen. aber wart's ab: Am EVT kommen wieder die "Restlos ausverkauft Meldungen" :-)

 
At 25 Februar, 2007 21:32, Anonymous marquee.x3n@gmx.de meint...

Mit mit ziemlicher Sicherheit, während wir im Laden auf geschätzten 30 Konsolen sitzen ;)

 
At 26 Februar, 2007 08:48, Blogger RasPutina meint...

Ein kleines Magazin, das Rätsel und Erlebnisse normler Leute wie dir und mir rausbringt, hat letztens etwas über eine Stadtangestellte aus meiner Stadt berichtet, die behauptet hat, von ihrem Chef (Bürgermeister) sexuell belästigt worden zu sein. Er wurde freigesprochen, weil die Anschuldigungen "schwammig und verworren" waren und die angeblichen Daten sich von mehreren Zeugen widerlegen ließen. Im Heft erschien nichts davon, die werte Dame stellte sich als Opfer dar, dem sogar nocheinmal von der bösen Justiz eins reingewürgt wurde. Dass sie sich in ihren eigenen Lügen verstrickt hat, davon kein Wort. Alles wurde daraufhingeschrieben, dass sie das Arme Opfer sei. Keiner hat danach gefragt, ob sie vielleicht nur alles erfunden hat.
Traurig vor allem weil besagter Bürgermeister mein Großonkel ist und ziemlich darunter zu leiden hatte.

 
At 26 Februar, 2007 09:53, Blogger Mick meint...

das kommt mir alles sehr bekannt vor. Hauptsache die Schlagzeilen lesen sich schön knallig...

 
At 26 Februar, 2007 12:04, Blogger RasPutina meint...

Haarsträubend finde ich auch, wie lange prophezeite Umstände wie der Klimawandel oder der Kindermangel in Deutschland ganz PLÖTZLICH aktuell sind und jeder sich nun PLÖTZLICH danach richten muss, was die Politiker an WICHTIGEN Lösungen bereitstellen. (Was meistens heißt, dass wir irgendwo mehr Geld blechen sollen). Ich seh nicht ein, dass nun so plötzlich drastische Maßnahmen ergriffen werden sollen (meiner Meinung nach ists für das Aufhalten des Klimawandels eh zu spät) wo doch schon seit Jahren Jahren Jahren geredet und gewarnt wurde.

 
At 26 Februar, 2007 12:04, Blogger RasPutina meint...

Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

 
At 26 Februar, 2007 12:45, Blogger Mick meint...

Haarsträubend finde ich viel eher, wie sorglos mit dem Begriff "Klimawandel" umgegangen wird, nur weil wir mal nen wärmeren Winter haben. Dass sich die Erde derzeit erwärmt, steht außer Frage. Ob das aber tatäschlich auf CO2 und vor allem den bescheidenen Einfluß des Menschens zurückzuführen ist, ist alles andere als bewiesen. Das Klima durchläuft ganz natürlich Zyklen die tauschende und zehntausende Jahre andauern, sich gegenseitig aufheben, verstärken etc. Gegen solche Zahlen ist ein exakte und verlässliche Temperaturmessung von gerade mal 100 Jahre absurd gering. Was auch kaum irgendwo mal gesagt wird: Der Mensch beeinflußt das weltweite CO2 mit gerade mal 2 Prozent. Die gesamte Menschheit wohlgemerkt. Der Rest stammt aus ganz natürlichen Quellen. Das ist derzeit eher wieder so ein Modethema, auf das sich die Medien gerne stürzen und binnen weniger Wochen Antworten haben wollen wie seinerzeit beim saueren Regen, dem Ozonloch oder dem Feinstaub. Was wirklich ist, wird sich erst in vielen Jahren sorgfältiger Forschung herausstellen. Allerdings kann ich natürlich von einem Klimaforscher, dessen Budget davon abhängt, wieviele Hiobsbotschaften er so von sich gibt, kaum erwarten, dass der das auch mal so sagt.Ab und an findet man mal einen seriösen Wissenschaftler. Aber die meisten, die sich vor die Kameras drängeln, sind nur auf höhere Etats für ihre Institute aus, sonst nix. Die Wahrheit werden wir erst in einigen Jahrzehnten erfahren.

 
At 09 April, 2007 23:42, Anonymous Angstroem meint...

In dem Zusammenhang mag vielleicht die Lektüre "State of Fear" von Michael Crichton interessant sein -- ungeachtet dessen, daß es sich natürlich um Unterhaltungslektüre handelt, versteht Crichton es, auf tatsächliche wissenschaftliche Belege zu verweisen, die ein gänzlich anderes und politisch derzeit alles andere als gewolltes Bild des Klimawandels zeichnen.

Und warum wir seit einiger Zeit von der (gleichgeschalteten?) Presse mit immer neuen aufgebauschten Bedrohungsszenarien (zwecks nachgeschobener zunehmender Beseitigung von einstmals unverzichtbaren Bürgerrechten oder aber zumindest der hier bereits genannten Einführung neuer Abgaben) überflutet werden.

Bezüglich des vorgeblich menschenverursachten Klimawandels: Auch der Mars erfährt derzeit eine meßbare globale Erwärmung. Die sei aber, so bemühte sich SPON im diesbezüglichen Artikel letzte Woche, zu versichern, ursächlich überhaupt nicht mit der hiesigen Erwärmung vergleichbar.

Nein, das wäre ja auch zu einfach. Zwei Planeten, eine Sonne, der nähere wird wärmer als der weiter entfernte.

Bei Pferdegetrappel denken wir ja schließlich auch als erstes an eine Zebraherde...

 

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