Mittwoch, 24. Januar 2007

Moderne Zeiten

Pressevorführungen von irgendwelchen Spielen sind immer eine spannende Angelegenheit. Und das auch, wenn das jeweilige Spiel sterbenslangweilig ist. Ich genieße es zuzugucken, was so manche schwerbepackte Kollegen so alles an Equipment mitbringen. Es beginnt beim Laptop, ohne den offensichtlich gerade jüngere Kollegen nicht auskommen können. Aufgeregt balancieren sie ihr Tausend Euro teures Gerät auf den Knien, tippen wild auf der Tastatur, während ich mit meinem Bic-Kuli eine Handvoll Stichwörter auf meinem 1-Euro-Spiralblock notiere. Den Rest der Informationen lege ich einfach in meinem Gehirn ab, das ich sowieso meistens dabei habe, ergonomisch hinter meiner Stirn gelagert. Andere verlassen sich lieber auf die Technik: Elegant gestylte Universal-Handy-und-das-komplette-tragbare-Büro-PDAs, die selbst Kirks Kommunikator alt aussehen lassen und mehr gefühlte Rechenleistung haben, als das komplette Kernspaltungszentrum Jülich, liegen auf dem Tisch, nehmen jedes gesprochene Wort des Entwicklers, dessen Name ich gerade mal wieder vergessen habe, auf und speichern es, MP3-kodiert, für die Ewigkeit ab. Gleichzeitig biept eine SMS aus der Redaktion herein. Jeder scheint jederzeit mit einer rund um die Uhr Online Gewehr bei Fuß stehenden Redaktion verbunden zu sein. Da geht es schließlich um Sekunden, denn wer als erster auf seiner Homepage meldet, daß Ultrametzel-Shooter 2008 mit einer Milliarde Polygonen und bioluminiszenter Kantenglättung in Highdef aufwarten kann, hängt die Konkurrenz im Tagesgeschäft der Page Impressions und Unique Visits gnadenlos ab. Hektisches Getippe, nervöse Telefonate. Ich warte auf den ersten, der per Infrarot-Headset live in die gerade laufende Redaktionskonferenz zugeschaltet wird, während er dem Entwickler (verdammt, wie hieß der Kerl noch gleich, irgendwas ostgotisches) weltbewegende und spannende Fragen wie: »Wieviele Texturen wurden für die Haare des Helden verwendet?« stellt. Tja und am Schluß wandert dann der PR-Mensch des Herstellers herum und läßt jeden Anwesenden eine Erklärung unterschreiben, die die Veröffentlichung sämtlicher Bilder und Informationen für eine Frist von zwei Wochen untersagt. Das reicht mir locker aus, um meine zugegebenermaßen krakelige Handschrift gemütlich zu entziffern, und brav aus dem Gedächtnis heraus meinen Artikel zu schreiben. Das Schöne dabei: Während die anderen ihren Hightechzoo auch wieder abbauen und einpacken müssen, stecke ich mein Schulheft flugs in die Tasche und kann mich gemütlich den Schnittchen am Buffet widmen. Und mit ein wenig Glück treffe ich da den Entwickler, den ich, während ich ihm meine Visitenkarte aufdränge, ganz zwanglos nach seinem Namen fragen kann.

21 Comments:

At 25 Januar, 2007 01:44, Blogger Jehuty meint...

Schön geschrieben und leider auch die traurige Wahrheit. Schau dir nur mal das GC Presse Zentrum an. Spätestens nach dem ersten ICQ-Ah-Oh fangen irgendwelche Bengel zu lachen an. Hm.. Ich nutze auch lieber einen Block und schreib per Kulli alles auf. Wie uncool? Nein, wie praktisch, denn den Block muss ich nicht extra hochfahren und schwer mit mir herumtragen.

 
At 25 Januar, 2007 02:55, Blogger Lucius meint...

abtippen kann mann dann noch gemütlich daheim, entspannt, ohne stress...

 
At 25 Januar, 2007 03:41, Blogger GenosseMzK meint...

..Und ein Block stürzt so hübsch selten ab..

 
At 25 Januar, 2007 08:20, Blogger Hazamel meint...

@genossemzk

Außer man gehört zu den Leuten, wie ich, die alles an Blätterkram lose in ihrem Block aufbewahren. Da kann ein physikalischer Absturz schon zum Chaos führen ;)

Aber ich gehör auch eher zu der Gruppe Mensch, die eher auf Papier und Stift vertrauen und dann (Wochen später) rätselnd vor den Aufzeichnungen sitzen. Hat natürlich auch den Vorteil dass man kein Sudoku mehr braucht sondern sein Hirn mit dem Entziffern der eigenen Abkürzungen und Schriftzeichen fit halten kann.

 
At 25 Januar, 2007 09:09, Anonymous Dietmar meint...

Der High-Tec-Fimmel ist wohl ein Problem der jüngeren Generation. Ich habe es Weihnachten bei meinen Neffen und Nichten beobachtet. Ohne iPod und Handheld geht da nix.
Und ich brauche nicht mal ein Handy.

 
At 25 Januar, 2007 09:34, Anonymous RoyBean meint...

Netter Text und nur zu wahr. Allerdings verbirgt sich hinter dem Text auch die bittere Erkenntnis, dass - wir müssten etwa gleich alt sein - unsere Generation der Spielpioniere allmählich zum alten Eisen gehört.

 
At 25 Januar, 2007 10:46, Blogger Mick meint...

@jehuty: allerdings, einer der Gründe, warum ich Presse-Center immer meide. Der Business-Bereich ist da meist entspannter.
@lucius: eben, wenn man dann noch seine eigene Klaue entziffern kann... (seufz)
@genosse: Es sei denn er fällt runter und landet zwischen den Sitzreihe... wie peinlich ;-)
@hazamel: exakt, wer braucht schon Doktor Kawashima? ;-)
@dietmar: mein Handy ist meist auch ausgeschaltet.
@roybean: alt, aber lange noch nicht rostig. :-)

 
At 25 Januar, 2007 14:36, Anonymous Sonnenscheinguru meint...

hmm... erinnert mich an den Post mit dem Diktiergerät. Irgendwie.
Aber was solls mit der ganzen Technik. Ich hab auch kein Timer sonderm meinen guten alten Taschenkalender.

 
At 25 Januar, 2007 15:10, Blogger Mick meint...

schon möglich, aber das Thema ist immer wieder schön.

 
At 25 Januar, 2007 17:34, Blogger McKenna meint...

Und das ganze hat noch einen viel grandioseren Vorteil als das wortgenaue Aufnehmen in MP3-Formaten:

Mit Stichwort-Schreibe behält man nur die Kernaussagen bei, trennt so von vornherein schon mal Wichtiges von Unwichtigem (Haare des Helden).

Genial, im Grunde.

 
At 25 Januar, 2007 18:05, Blogger GenosseMzK meint...

Mick, das Altfühlen ist allerdings recht zeitlos. Ich fühl mich auch schon hoffnungslos veraltet, und ich bin erst 18 Jahre jung. Mein Betriebssystem ist schon seit drei Versionen überholt, mein Computer auf dem Stand von vor 5 Jahren, und die Spiele die ich mag ebenfalls.
Ich wetter darüber, dass die neuen Spiele keine Seele haben, und früher war das Spielerlebnis sowieso besser.

 
At 25 Januar, 2007 18:29, Blogger Dreadknight meint...

Leider ist es war,dass mittlerweile alle Magazine (egal ob GS,PCG,PCPP,etc.) fast nur noch über die "Woahhh"-Grafik berichten und den Rest etwas außer Acht lassen.

Merke ich immer wieder bei GameStar,wo es früher mehr um Inhalte als die Präsentation ging.Moderne Zeiten :(

 
At 25 Januar, 2007 18:31, Blogger Schlunz meint...

Ein Kollege von mir hatte in einer Besprechung einen teuren PDA dabei, schick in weicher Lederhülle, klappt die also auf - und muß, bevor er was tippen kann, erstmal fünf (!) gelbe kleine Post-Its vom Display entfernen... :)))

 
At 25 Januar, 2007 22:23, Blogger fitzi meint...

Per Stift bin ich definitiv schneller, da ich alles andere, als multitaskingfähig bin und ein Elektrogerät mich mehr fordert, als die Kombination aus Kugelschreiber und Papier :)

Ich beneide ja ein wenig diejenigen, die in der Uni am Laptop synchron mitschreiben und das ganze dann auch noch verstehen können. Das würde mir eine Menge Zeit beim späteren Abtippen ersparen...

 
At 25 Januar, 2007 22:34, Blogger Mick meint...

ich bezweifle mal stark, daß das irgendwer kann. Vor allem frage ich mich, wie die Grafiken, Tabellen und Diagramme so schnell mitzeichnen.

 
At 25 Januar, 2007 23:22, Blogger Fallout_Boy meint...

Gut, ich bin ja Volontarist mit Abschluss, sprich gelernter Redakteur. Aber scheinbar habe ich die jüngste Entwicklungsphase komplett verschlafen/ignoriert, denn ich persönlich kenne keinen Journalisten, der mit Laptop und/oder Diktiergerät arbeitet. Der old-school-Schreibblock scheint noch immer die Tatwaffe Nummer eins zu sein.

 
At 26 Januar, 2007 00:13, Blogger Mick meint...

in welchem Bereich journalierst Du denn?

 
At 26 Januar, 2007 07:36, Blogger Fallout_Boy meint...

Ich journalierte. Bis vor anderthalb Jahren. Lokalredaktion. Also kein bestimmter Bereich.

 
At 26 Januar, 2007 21:55, Anonymous Anonym meint...

Hi Mick,

hab mich lang nicht mehr so amüsiert, und das, obwohl ich ein überzeugter Smartphone-Fan bin. Aber nicht fürs Mitschreiben, da stimme ich dir 100% zu. Mein Hilfsmittel Nr. 1 ist seit längerem eine kleine Digicam mit 4-GByte-Speicher: Dient als Notizblock-Backup, nimmt Fotos auf und Interviews, wirkt lebensrettend (japanische Metro-Schilder abfotografieren statt irgendwo zu stranden). Und sie hat auch noch den Tamagotchi-Effekt: Wenn ich sie nämlich nicht sehr regelmäßig mit frischen Akkus füttere...

 
At 26 Januar, 2007 21:56, Anonymous Jörg Langer meint...

Hi Mick,

hab mich lang nicht mehr so amüsiert, und das, obwohl ich ein überzeugter Smartphone-Fan bin. Aber nicht fürs Mitschreiben, da stimme ich dir 100% zu. Mein Hilfsmittel Nr. 1 ist seit längerem eine kleine Digicam mit 4-GByte-Speicher: Dient als Notizblock-Backup, nimmt Fotos auf und Interviews, wirkt lebensrettend (japanische Metro-Schilder abfotografieren statt irgendwo zu stranden). Und sie hat auch noch den Tamagotchi-Effekt: Wenn ich sie nämlich nicht sehr regelmäßig mit frischen Akkus füttere...

 
At 28 Januar, 2007 01:09, Blogger Mick meint...

Hu Hu Jörg,
huch, Lob von höchster Stelle :-) Zugegeben, eine Digi-Kamera habe ich auch. Aber nur mit 1 GByte und nur um die Entwickler auch zu fotografieren, damit ich mir wenigstens deren Gesicht merken kann, wenn ich die Namen schon vergesse.

 

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