Donnerstag, 3. August 2006

Neue Abenteuer in der S-Bahn

»Fahrscheinkontrolle!« Das ist der Lieblingsausdruck von den Baskenmützen-bewehrten Herrschaften in Pseudouniform, die sich gern abends in der S-Bahn wichtig machen. Schlagstock an der Seite, »Ich bin wichtig«-Gesichtsausdruck und dazu meist mit mittlerem Übergewicht gesegnet. Eine ältere Dame hält der Kontrolleuse (mittelalt und mit ostdeutschem Dialekt geschlagen) ihre Fahrkarte hin.
»Die muss ich einziehen«, schnarrt die Kontrolltusse im schlimmsten Dresdendeutsch. »Die Korte (sie meint wahrscheinlich »Karte«) ist defekt.«
»Aber die habe ich von meinem Enkel geliehen. Die ist doch gültig.« Die Panik ist der Dame deutlich anzumerken.
»Ich hobe meine Vorschriften. Die Korte ist eingerissen. Sehen Sie, hier am Rand. Ich schreibe ihnen jetzt eine Bestätigung aus, und mit der werden Sie morgen auf unserer Dienststelle vorstellig...« und so salbatert sie im schönsten Dienst-Amtsdeutsch weiter und weiter. Ihr Kollege (etwas stämmig, grimmiger Gesichtsausdruck) postiert sich schon mal daneben. Könnte ja sein, daß die ältere Dame vielleicht zur MP greift und damit zur »Gefahrensituation« wird.
So ähnlich muss man sich früher vorgekommen sein, wenn man in den Ostzoo, also die real existierende »DDR« einreisen wollte.
Die ältere Dame ist mittlerweile völlig aufgelöst.
»Kann ich irgendwie behilflich sein?« Der Mann ist eher unscheinbar, läßt sich aber auch vom finster guckenden Baskenmützen-Kontrolletti nicht einschüchtern.
»Das geht Sie nüscht an«, schnarrt die Stasifrau (so nenne ich sie mittlerweile, vermutlich hat sie da noch ihr Handwerk gelernt).
»Ich glaube doch« Der Kleine bleibt ruhig. »Ich bin Journalist.«
Stille, dann wendet sich die Baskenfrau wieder an die ältere Dame. »Hier ist die Adresse unserer Dienststelle. Bringen Sie auf jeden Fall ihre Ausweispapiere mit...«
»Ich arbeite für die Süddeutsche Zeitung und wüsste jetzt gern Ihre Dienstnummer. Ich will ja nichts Falsches schreiben.«
Frau Stasi stockt, wechselt einen Blick mit ihrem Kollegen. Den Süddeutschen-Menschen ignorierend gibt sie der Dame ihre Fahrkarte kommentarlos zurück und die beiden rücken mit einem »Die Fahrausweise bitte!« in Richtung nächster Waggon ab.
Ich habe natürlich nichts gesagt, so wie die meisten anderen auch. Man hält ja leider viel zu oft die Klappe. Aber gestern habe ich tatsächlich eine Süddeutsche gekauft, obwohl ich die Zeitung nicht sonderlich mag. Soviel Respekt vor dem Kollegen muss schon sein.

13 Comments:

At 03 August, 2006 07:34, Blogger unkita meint...

Schade, hättest du mal was gesagt...

 
At 03 August, 2006 08:26, Anonymous Philipp meint...

Die Leute haben keinen Geschmack.

Ich fänds toll, in der Süddeutschen zu stehen ;-)
Aber Frau Stasi liest wohl nur die BILD.

 
At 03 August, 2006 08:54, Blogger Klapsenschaffner meint...

Ich finds cool, dass einer was sagte und einer was darüber schreibt!

Rock on, kleiner unscheinbarer Journalist der Süddeutschen...

Rock on, Mick

 
At 03 August, 2006 09:18, Anonymous Sonnenscheinguru meint...

Im EDEKA um die Ecke arbeitet auch so eine Stasi-Dame... mit dem gleichen Akzent und dem gleichen Bestreben alle Einkäufer zu ihren Untertanen zu machen.
Es muss irgendwo ein Lager geben wo diese Damen geklont werden...^^
007 -> übernehmen sie!

 
At 03 August, 2006 10:15, Blogger Tulio meint...

Also diese S-Bahn Miliz in München ist schon bedenklich, wirklich. Ich habe mal "stehen Sie bequem" zu einem gesagt, der sich breitbeinig Marke "ich übe Spagat" vor mir aufgebaut hat, weil ich seiner Aufforderung nach vorzeigen eines ordentlichen und gültigen Fahrausweises mit geschäftigem Suchen nach demgleichen nachgekommen bin. Ich dachte echt, jetzt haut er mich mit seinem Hartholzknüppel, so hat der geschaut.

 
At 03 August, 2006 10:25, Blogger McKenna meint...

Hab die Münchner S-Bahn und auch U-Bahn gescheut. War anscheinend besser so.
Es gab Leute die EINreisen wollten?

 
At 03 August, 2006 11:56, Blogger michA aka roLLe meint...

Ihr wart ja noch nie in Berlin...hier führen die Kontroleure einen guerilla krieg gegen die passagiere!!!

 
At 03 August, 2006 12:24, Blogger unkita meint...

@micha: nicht dass ich in meiner Berlin Zeit jemals schwarz gefahren wäre. Aber es war immer eine gute Idee, in den letzten Wagon einzusteigen.

 
At 03 August, 2006 13:13, Blogger Roland meint...

Und, hat der was darüber geschrieben?

In San Francisco gibt es keine Kontrolleure. Die haben vermutlich zu viel Angst vor den Reisenden.

 
At 03 August, 2006 13:43, Blogger Mick meint...

nee, zumindest nicht in der ausgabe, die ich gekauft habe. Allerdings war die ja auch vom nächsten Tag, viel zu früh, denn die Sache ist ja spätabends passiert. Glaube auch nicht, daß der wirklich was schreiben wollte.

 
At 06 August, 2006 23:00, Anonymous Anonym meint...

mckenna klar gabs Leute die Einreisen wollten.

zwischen 1960 - 1965 flüchteten jährlich ca. 100 Bundeswehrsoldaten in die DDR.
1962 132
1967 79
1969 51

insgesamt flüchteten ca. 50.000 Bundeswehrangehörige in die DDR.

Insgesamt gab es ca. 550.000 Übersiedler aus der BRD in die DDR.

Quelle: Armeen und ihre Deserteure von Bröckling/Sikore
ZAIG
Bruno Winzer - Soldat in drei Armeen

(Bruno Winzer war ein hoher Offizier der Luftwaffe-Presseabteilung, der aufgrund von Repressalien nach kritischen Äußerungen zu Franz-Josef Strauß in die DDR flüchtete)

 
At 07 August, 2006 00:19, Blogger Mick meint...

na ja, Dumme hat es schon immer gegeben...

 
At 26 August, 2006 09:59, Anonymous Anonym meint...

Auch, wenn ich mit meinem Kommentar gegen den Strom schwimme: Als regelmäßiger Käufer einer Monatskarte begrüße ich jede U-Bahn/S-Bahn-Fahrkartenkontrolle.

Und was an einem Hinweis auf eine ?defekte? Karte und einhergehender Erläuterung zur Ersatzexemplarausstellung "stasiesk" sowie am Süddeutschen Widerstandskämpfer so bewundernswert sein soll, bleibt mir ein Rätsel...

 

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